Rezension: Heute komme ich zuerst von Susanne Wendel

Schon allein der Titel „Heute komme ich zuerst“ klang ganz wie mein Motto. Also habe ich mich natürlich sehr gefreut, ein Exemplar des Buches von Susanne Wendel für eine Rezension bekommen zu haben.

Ich muss allerdings leider gestehen, dass ich dieses Buch nur bis zu einem gewissen Punkt lesen konnte, denn wir sind einfach nicht miteinander klar gekommen. Unsere Standpunkte zu gewissen Themen sind wohl zu unterschiedlich.

Heute komme ich zuerst – Lieben & Leben ohne Kompromisse

So verspricht es zumindest das Cover.

Susanne Wendel möchte uns dabei helfen, uns selbst zu verwirklichen und aus der Matrix auszubrechen, wie sie es nennt. Dabei geht sie einerseits auf die Rolle der Frau in der Geschichte ein, andererseits will sie Hilfestellungen geben, wie man aus den bisher gelebten Rollen herauskommen kann.

„Dieses Buch richtet sich an die Frau, die wissen möchte, wie sie eine Königin werden kann. Königinnen machen keine Kompromisse, sie machen Ansagen!“

Im ersten Moment hört sich das empowering an. Wenn man aber genauer drüber nachdenkt, hinkt es ein wenig, denn so ist die Frau in meinen Augen keine Königin, sondern eine Herrscherin. Eine Königin weiß, was sie für sich will und was für ihr Volk gut ist. Eine Herrscherin will einfach nur ihren Willen durchboxen, ohne Rücksicht auf Verluste. Natürlich ist es wichtig, auch Ansagen machen zu können, aber eine Beziehung vollkommen ohne Kompromisse hört sich für mich auch nicht ganz gesund an.

Wenn sie den Maßstab der Kompromisse/Ansagen jedoch an der Cornflakes-Analogie festmacht, frage ich mich, was für Frauen sie dort eigentlich beschreibt. Dabei wird erklärt, wie der Mann seiner Frau Cornflakes zu Frühstück gibt, nachdem er sie in der Werbung gesehen hat. Die Frau freut sich über die Geste und würgt die Cornflakes runter, weil sie seine Gefühle nicht verletzen will – fortan bekommt sie jeden Morgen Cornflakes von ihm vorgesetzt. Sie isst sie brav, bis es irgendwann überquillt und durch andere Themen in einem großen Knall explodiert. Ähnlich ist es laut Susanne Wendel auch mit Beziehungen und Sex, wenn Frauen einfach nicht sagen, was sie eigentlich wollen.

Was ist eine Frau und was ist die vollkommene Frau?

In diesem Buch verschmilzen sehr viele Stereotypen miteinander. Die Frau, die nicht sagt, was sie will. Die Frau, die passiv aggressiv ist, weil sie unglücklich ist. Oder die Frau, die sich in zweiter Reihe wohl fühlt und den Mann vorschickt, wenn es Ärger gibt. Die Frau, die zurücksteckt für die Familie, weil sie sowieso nicht alles haben kann.

Diesen Frauen möchte Susanne Wendel helfen, aus ihrer Matrix auszubrechen. Man soll Zwänge und Kompromisse hinter sich lassen und Normen der Gesellschaft hinterfragen. Prinzipiell bin ich da voll dafür! Aber… Irgendwie werden in diesem Ratgeber die Zwänge der Gesellschaft durch neue Zwänge ersetzt. Sei laut und bestimmt, aber nicht maskulin, sondern auch gleichzeitig Mutter. Außerdem sind Schönheitsideale Quatsch und Männer wollen eh keine knochigen Frauen, also sei lieber dicker. Aber sei so wie du bist, denn du musst ja glücklich sein – aber das am besten halt nicht so, wie du jetzt bist, denn so kannst du ja gar nicht richtig glücklich sein.

Die Frau, die befähigt ist, aus der Matrix auszubrechen, ist laut Heute komme ich zuerst also erfolgreich im Job, erfolgreich beim Sex, erfolgreich als Mutter. Immer wieder wird hervorgehoben, dass diese Frauen Kinder haben und trotzdem erfolgreich und glücklich sind. Mutter-Sein gehört also wohl dazu. Schade, dann werde ich wohl nie eine Königin.

Bis hierhin und nicht weiter

Über fordernde Formulierungen und das Mutter-Sein Thema konnte ich ja noch hinwegsehen. Heute komme ich zuerst ist schließlich ein Ratgeber, also muss schon auf den Punkt gebracht werden, was geändert werden müsste. Zumindest zu einem gewissen Grad. Außerdem ist Susanne Wendel nun einmal Mutter und jede Mutter hat auch meinen vollsten Respekt, so ist es nicht.

Ein bisschen komisch wurde mir aber bei dem Abschnitt zum Thema „Topping From the Bottom“:

„Letztendlich ist [der Dom] dann nicht der Mächtigere von beiden, sondern nur ein Erfüllungsgehilfe für die Wünsche des Subs. Er tut dem Sub einen Gefallen, Das kann für beide funktionieren, ist aber auf Dauer genauso einseitig, wie wenn die Frau dem Mann jedes Mal einen bläst.“

Es ist natürlich nicht falsch, dass man sich innerhalb der (harten) Grenzen des Subs aufhält, aber letztendlich sollte beiden Parteien ihre Rolle Befriedigung bringen. Wenn wir hier also von BDSM reden und nicht von laienhaften Fesselspielchen, ist es in meinen Augen falsch, zu sagen, dass der Sub sich ja nur fallenlassen und um nichts weiter kümmern braucht, dass er „definitiv die angenehmere Rolle“ hat. Schließlich ist es nicht selbstverständlich, seine Grenzen zu wissen, kommunizieren und auch durchsetzen zu können. Sich fallenlassen und zu vertrauen ist eben nicht so einfach. Genausowenig wie „Nein“ sagen oder das Safeword zu nutzen.

Außerdem gibt es beispielsweise devote Menschen, dominante Menschen und Switcher. Nicht jeder dominante Mensch kann auch devot sein, genauso kann nicht jeder devote Mensch auch selbst die Ansagen geben. Der gut gemeinte Ratschlag, einfach mal die Rollen zu tauschen, wird also in den seltensten Fällen von Vorteil sein.

Wenn allerdings als Beispiel für BDSM 50 Shades of Grey genommen wird, kann ich mir meinen Teil ja auch denken.

#metoo und hier ist Schluss für mich

Ich war also nicht mit allem so ganz einverstanden, was ich bis dahin in Heute komme ich zuerst gelesen habe. Kommt vor, ist ja auch kein Weltuntergang.

Dann kam jedoch ein Abschnitt, bei dem es für mich dann vollends vorbei war. Das war, als es um das Thema #metoo ging. Dass Männer in Schweden also die Zustimmung der Frau für Sex brauche, ist etwas Schlechtes:

„Die gesellschaftlichen Auswirkungen gehen so weit, dass beispielsweise in Schweden laut neuem Strafgesetz die Männer zunächst die explizite Zustimmung einer Frau einholen müssen, bevor sie mit ihr in irgendeiner Weise sexuell aktiv werden.“

Und das ist weshalb schlecht? Weil man einfach mal kurz nachfragen sollte, bevor man mit seinem One Night Stand in die Kiste hüpft? Da man den alkoholisierten Zustand nicht mehr ganz so einfach ausnutzen kann? Weil K.O.-Tropfen dann vielleicht ein bisschen mehr auffallen würden? Irgendwie werden die Frauen hier so hingestellt, als würden sie auch nach einvernehmlichem Sex sofort zur Polizei laufen, wenn der Kerl sich in den nächsten Tagen nicht bei ihr meldet.

„Extrem wichtig in der ganzen Diskussion ist die Differenzierung: Eine Vergewaltigung ist etwas anderes als ein Klaps auf den Hintern oder ein vielleicht wirklich nett gemeintes Bussi.“

Ernsthaft? Das eine ist eine Straftat, das andere sind Belästigungen. Auch wenn ich das eine natürlich auf einem ganz anderen Level ist, heißt das aber doch nicht, dass ich mich bei einem Klaps auf den Hintern oder einem Bussi nicht so haben soll. War ja nur nett gemeint…. Solche Aussagen führen dazu, dass mir mein Essen wieder hochkommt.

Laut diesem Ratgeber ist das #metoo Movement typisch für das, was Frauen besonders gut können und schon seit der Antike tun: Den Opferstatus zur Schau stellen. Ich selbst sehe es aber als einen wichtigen Punkt in unserer Gesellschaft, auf Missstände hinzuweisen und klar zu machen, dass sich etwas ändern muss. Auch wenn ich nun nicht zukünftig Gilette-Rasierer kaufen werde, so bin ich doch begeistert von ihrer Message. Wenn Männer Angst haben, auch ein Opfer der #metoo Bewegung zu werden, dann gibt es wohl etwas in ihrem Verhalten, was sie überdenken sollten. Lass das Küsschen vielleicht einfach mal sein und verkneif dir den Klaps auf den Po. Wie wäre es mal damit?

Ach ja, dafür sind wir Frauen ja durch unsere psychische Gewalt Schuld am Burnout der Männer und am Prostatakrebs, wenn wir ihnen Sex verweigern. Ist klar.

Was danach kam

Erstmal konnte ich nicht weiterlesen. Da ich selbst unschöne Erfahrungen machen durfte, ist das #metoo Thema für mich ein sehr persönliches und emotionales. Wenn ich dann solche Aussagen, wie die von Susanne Wendel, lese, trifft mich das. Für mich strahlt das auch eine Arroganz der Autorin aus, auch wenn sie es vielleicht nicht so gemeint hat. Offenbar hat sie Glück gehabt und selbst keine so schlimmen Erfahrungen gemacht. Vielleicht geht es auch einfach ums Polarisieren. Oder vielleicht sind Feministinnen einfach nicht ihre Zielgruppe. Denn irgendwie geht es immer auch darum, den Mann trotzdem glücklich zu machen, auch wenn man ja zuerst kommen möchte.

Ich habe versucht, noch etwas weiter zu lesen, aber Interviews mit Männern, die pauschal aussagen, dass sie es schade finden, dass man sich heutzutage auf Partys nicht mehr traut, fremde Frauen zur Begrüßung zu küssen, oder die meinen, dass Männer dünne Frauen nicht mögen, weil sie sich dann blaue Flecken holen, haben mir dann auch nicht mehr Spaß bereitet.

„Denn es ist tatsächlich so, Männer wollen für Frauen im Service sein. Ja, ja, jetzt mag sich wieder jemand beschweren, das könne man alles nicht pauschalisieren – ich tue es trotzdem!“

Fazit

Ich habe schon ein wenig überlegt, ob ich diese Rezension schreiben sollte. Schließlich ist es eine Sache, einen technischen Gegenstand negativ zu bewerten, eine völlig andere bei so etwas Persönlichem wie einem Buch. Schließlich steckt da viel Herzblut und Arbeit drin, das allein finde ich schon bewundernswert. Doch letztendlich ist das nunmal mein Empfinden beim Lesen gewesen, darum finde ich es nur angebracht, auch solche Meinungen kund zu tun.

Vielleicht habe ich noch wichtige, spannende und informative Passagen verpasst, denn den Rest konnte ich nur noch überfliegen. Allerdings glaube ich nicht, dass mich diese Empfehlungen persönlich voranbringen werden. Mich hat Susanne Wendel auf der Reise verloren und trotzdem glaube ich, dass ich heute zuerst komme. Mit mir, meiner Partnerschaft, meinem Leben und meinem Sex bin ich im Reinen. Ich kann mich fallen lassen und gebe und nehme gern. Ich mache aber mein sexuelles Glück nicht von einem Mann abhängig – und genau das ist es, was die Autorin in meiner Wahrnehmung im Großen und Ganzen sagt.

Das heißt nicht, dass das Buch schlecht ist. Es ist gut recherchiert, gut geschrieben – nur bin ich nicht die Frau, die mit Heute komme ich zuerst angesprochen werden will, denke ich. Wenn du dir selbst ein Bild machen möchtest, kannst du das Buch als broschierte Ausgabe für 19,95€ in der Buchhandlung kaufen oder für 9,95€ die Kindle-Ausgabe bei Amazon.

Vielleicht hilft es dir ja, zu der Königin zu werden, die ich aktuell gar nicht sein möchte.

Deine Sally

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One Comment

  1. Liebe Sally, ich kann deinen Frust gut verstehen! Habe das Buch aufgrund Deiner Rezension ganz gelesen, auch weil ich Susannes vorherige Werke ganz gelungen und unterhaltsam fand. Aber auch mich hat das neueste Werk nicht abgeholt 🙁 Sehr schade, denn ich habe Susanne schon persönlich erlebt und dieses Buch passt nicht zu meiner Wahrnehmung von ihrer Person. Pauschalisierend und einen Touch zu spirituell finde ich, was sie da geschrieben hat. Aber vielleicht ist es auch eine Generationenfrage, wie weit man sich mit diesem Buch anfreunden kann.
    LG, Jessi

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